Ich bin kein Opfer- Mutter eines autistischen Kindes
- Sarah

- 3. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Ich bin kein Opfer
Heute war einer dieser Tage, an denen alles zu zerbrechen droht. Du nimmst dir etwas Schönes vor, willst deinem Kind etwas Gutes tun – und dann kommt alles anders als gedacht.
Ich hatte mich bereit erklärt, bei Minime als Fahrerin für einen Schulausflug einzuspringen. Die Klasse wollte einen Ausflug machen, und statt eines Busses organisierten die Eltern den Transport. Schon am Morgen spürte ich, dass mein Großer damit Schwierigkeiten hatte. Niemand sollte auf seinem Platz sitzen, niemand durfte etwas von ihm berühren. Auf dem Weg zur Schule zeigte er stereotype Verhaltensweisen, wurde zunehmend unruhiger. Leider kann er das nicht klar ausdrücken – stattdessen beginnt er zu schimpfen.
Als wir an der Schule ankamen und sich der Treffpunkt langsam füllte, stieg die Panik in ihm spürbar an. Er wollte nicht hinein. Und plötzlich spürte ich auch meine eigene Panik. Was, wenn ich ihn heute nicht in die Schule bekomme? Was, wenn er hier einen Schreianfall bekommt? Was, wenn alles aus dem Ruder läuft?
Die Zeit lief, der Stresspegel stieg. Ich konnte ihn nicht dazu bewegen, hineinzugehen. Selbst unser bewährtes Mittel – Medienzeit als Belohnung – half nicht. Das zeigte mir, wie ernst die Lage wirklich war.
Ich stand vor einer Entscheidung: Soll ich „erzieherisch konsequent“ handeln und ihn einfach hineinbringen – die Schule mit dem „Problem“ konfrontieren, damit er lernt, dass Schule Pflicht ist? Oder nehme ich die Blicke der anderen Eltern in Kauf und höre wirklich in mich hinein: Was hilft meinem Kind jetzt?
Ich entschied mich zum Glück für Letzteres. Ich meldete ihn für diesen Tag ab, und er begleitete mich und die anderen Kinder auf dem Weg.
Zu Hause kamen mir die Tränen. Es ist zermürbend, immer wieder so hilflos in solchen Situationen zu stehen. Wie soll ich allen Kindern gerecht werden, wenn mein Großer so viel Begleitung und Halt braucht? Wie soll ich in der Gesellschaft akzeptiert werden, wenn ich scheinbar alles falsch mache – so falsch, dass andere die Köpfe schütteln?
Als wir die Kinder absetzten, gingen die anderen Fahrerinnen gemeinsam spazieren. Ich sah ihnen wehmütig hinterher. Ich musste mit meinem Großen nach Hause fahren, ihn regulieren und später wieder zurückkommen. Wo ist mein Leben hin? Wie sehr ich diese Leichtigkeit beneide. Und ja – ich weiß, dass es auch anders geht. Unser neurotypisches Kind zeigt mir das jeden Tag.
Doch während ich mich selbst bemitleidete, kam mir ein Satz in den Sinn, den ich irgendwo gelesen hatte: „Ich bin nur ein Opfer, wenn ich es zulasse.“
Und ich will kein Opfer sein.
Ich bin gut so, wie ich bin. Ich habe einen autistischen Sohn – und auch wenn er für andere oft „normal“ wirkt, was meine Methoden umso irrationaler erscheinen lässt, weiß ich: Das, was ich tue, ist richtig. Ich lasse mich nicht unter Druck setzen – nicht von Blicken, nicht von gut gemeinten Ratschlägen. Ich bin die Expertin für mein Kind.
Ja, ich wünsche mir manchmal mehr Gelassenheit. Mehr Leichtigkeit. Aber ich bin kein Opfer. Ich habe mein Schicksal selbst in der Hand.
Ich betrachte diesen Morgen nicht mehr als „schlimmen Tag“, sondern als Lernmoment. Werde ich beim nächsten Ausflug wieder fahren? Ja. Denn auch meine anderen Kinder haben ein Recht auf ihre Mutter. Aber ich werde es anders angehen: Beim nächsten Mal fährt mein Mann den Großen zur Schule. Sein Sitzplatz bleibt tabu. Dann nehme ich eben nur fünf Kinder mit – statt sechs.
Also: Steckt den Kopf nicht in den Sand. Lernt daraus. Aus jedem Meltdown, aus jedem unangenehmen Blick, aus jeder kraftraubenden Situation. Wir wachsen daran.
Denn: Ich bin kein Opfer. Ich bin Mutter eines autistischen Kindes. Ich bin Expertin. Ich bin ich.
Eure Sarah
P.S. Hattest du diese Erkenntnis auch schon? Dann schreib es mir! Gemeinsam können wir stark sein!




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