Überforderung erkennen und handeln
- Sarah

- 20. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Überforderung erkennen- Warum wir das Busfahren vorerst pausieren
Selbstständigkeit ist wichtig. Das weiß ich. Und natürlich möchte ich meine Kinder darin unterstützen, ihren eigenen Weg zu gehen. Aber es gibt Momente, in denen ich mich frage: Wie weit muss ich gehen? Und wie weit darf ich auf mein Bauchgefühl hören, statt mich nur auf rationale Überlegungen zu verlassen? Dieser Artikel ist genau darüber: über Zutrauen, über Vorsicht und über die Verantwortung, die wir als Eltern tragen – besonders, wenn ein Kind neurodivergent ist. Es ist wichtig Überforderung erkennen und handeln zu können.
Der Wunsch nach Selbstständigkeit
Mein Sohn möchte Bus fahren. Für viele neurotypische Kinder ist das ein normaler Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Für neurodivergente Kinder ist es oft ein viel größerer. Busfahren bedeutet:
rechtzeitig die Schule verlassen
an einer Haltestelle warten
Reize aushalten: Geräusche, Menschen, Bewegung
flexibel reagieren, wenn etwas anders läuft als erwartet
Das sind gleich mehrere Herausforderungen auf einmal – und jede davon kann für ein autistisches Kind eine Überforderung darstellen.
Zutrauen ist wichtig – aber nicht blind
Als mein Sohn sagte, er wolle mit dem Bus nach Hause fahren, war ich überrascht. Er ist ein Kind, das vieles ängstigt, das Abläufe braucht, das Sicherheit sucht. Gleichzeitig war ich stolz, weil dieser Wunsch ein Zeichen von Mut war.
Wir haben also eine Testfahrt gemacht. Und an der Bushaltestelle ist er komplett überfordert gewesen. Er hat geschrien, geschimpft, war nicht mehr ansprechbar. Meine Worte sind nicht mehr zu ihm durchgedrungen. Das war kein Trotz, kein „Ich will nicht“ – das war ein Meltdown.
Warum Warten für autistische Kinder so schwierig sein kann
Warten ist eine Übergangssituation. Und Übergänge sind für viele autistische Menschen besonders herausfordernd. Es gibt keine klare Aufgabe, keine feste Struktur, keine Vorhersehbarkeit. Reize kommen ungefiltert: Stimmen, Motorengeräusche, Bewegung, andere Kinder, Unruhe.
In solchen Situationen können zwei Arten von Meltdowns auftreten:
Nonverbaler Meltdown: Das Kind zieht sich innerlich zurück, reagiert kaum noch, wirkt wie „abgeschaltet“.
Verbaler Meltdown: Das Kind schreit, schimpft, wehrt sich, ist nicht mehr erreichbar.
Beides ist ein Zeichen massiver Überforderung des Nervensystems. Und genau das ist an der Haltestelle passiert.
Warum ich die Situation als gefährlich einschätze
An einer Bushaltestelle kann ich mir kein „Vielleicht geht es gut“ erlauben. Er war nicht zurechenbar. Er hätte auf die Straße laufen können. Er hätte sich losreißen können. Er hätte in Panik geraten können. Und so sehr ich ihn fördern möchte – ich kann dieses Risiko nicht eingehen.
Autismus ist vielfältig – auch in unserer Familie
Mir ist wichtig zu betonen: Nicht jeder Autist hat solche Schwierigkeiten. Mein anderes Kind ist das beste Beispiel. Er ist zuverlässig, versteht Abläufe schnell und hält sich daran. Ihm muss man Dinge nur einmal erklären, und er macht es. Autismus ist ein Spektrum – und jedes Kind steht an einem anderen Punkt, mit eigenen Stärken und eigenen Herausforderungen.
Unser Fazit: Wir pausieren das Busfahren
Wir legen das Busfahren erst einmal auf Eis. Nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung. Nicht, weil er es nie schaffen wird, sondern weil er jetzt gerade noch nicht soweit ist. Selbstständigkeit entsteht nicht dadurch, dass man ein Kind ins kalte Wasser wirft, sondern dadurch, dass man ihm hilft, schwimmen zu lernen – in seinem Tempo, mit seinen Möglichkeiten.
Und wenn er soweit ist, werden wir es wieder versuchen. Mit mehr Struktur, mehr Sicherheit und weniger Druck.
Eure Sarah
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